INTERVIEW UND PORTRÄT

Im Gespräch mit…

Sergei Tchoban und Ekkehard Voss,
TCHOBAN VOSS Architekten

Der Bemusterungstisch dient zentral zur Materialüberprüfung.

TCHOBAN VOSS Architekten

  • Autorin: Christina Gräwe
  • Foto: Werner Huthmacher

Nach einer langen Vorgeschichte, die in Hamburg beginnt und bis ins Jahr 1931 zurückreicht, sowie mehreren Generationswechseln heißen nps tchoban voss jetzt TCHOBAN VOSS Architekten. Die Standorte Hamburg, Berlin und Dresden mit derzeit rund 150 Mitarbeitern bleiben. Das Gespräch mit den alten neuen Partnern Sergei Tchoban (* 1962) und Ekkehard Voss (* 1963) über die Beziehung zwischen Verfassern und ihren Entwürfen, die eigene Note in der Architektur und darüber, wie wichtig die gegenseitige Rückendeckung einer funktionierenden Partnerschaft ist, findet im Berliner Büro in den Hackeschen Höfen statt.

„Ein Brillant ist nichts ohne den Ring, der ihn fasst“

Sergei Tchoban, TCHOBAN VOSS Architekten

 

Herr Tchoban, Herr Voss, das nps im Büronamen ist verschwunden: Haben Sie sich neu erfunden oder schlagen Sie ein weiteres Kapitel im selben Buch auf?

Ekkehard Voss: Wir nutzen die Midlife-Crisis! (lacht) Und zwar im positiven Sinn. Es war der richtige Zeitpunkt uns zu fragen: „Was interessiert uns heute und in Zukunft? Was wollen wir beide anders machen?“ Wir sind 1992 beide zu Nietz Prasch Sigl gekommen, 1995 Juniorpartner geworden
und hatten rasch sehr viel Verantwortung. Den Weg sind wir konsequent weitergegangen, indem wir das Ende des vergangenen und den Beginn des kommenden Kapitels mit der Umbenennung klar definiert haben. Das ist eine Frage der Selbstidentifizierung, des Bezugs der Verfasser zu ihren Bauten.

Ein Rheinländer und ein russischstämmiger Partner, beide kommen von so renommierten wie unterschiedlichen Ausbildungsstätten, der RWTH Aachen und der Russischen Akademie der Künste in St. Petersburg. Wo liegen die Gegensätze, wo das Verbindende?

EV: Unsere Gegensätzlichkeit spiegelt sich vielleicht am ehesten in der Persönlichkeit. Was uns verbindet, ist die Haltung zur kulturellen Bedeutung der europäischen Stadt. Wir bauen in und an der Stadt. Wir bauen beide eher „steinern“. Untereinander lassen wir uns eine lange Leine. Das funktioniert wunderbar, weil wir uns lange und gut kennen.

Ekkehard Voss, links und Sergei Tchoban, rechts.

Gibt es eine Rollenverteilung, etwa den künstlerischen und den planerischen Kopf?

EV: Von außen wird das vielleicht so gesehen, nach innen gibt es diese Unterscheidung nicht. Als wir 1996 in Berlin einen neuen Bürostandort in Mitte suchten, war zwischen den Partnern ausgemacht, dass Sergei Tchoban es leiten würde. Ich leite seit dem Ausscheiden von Alf M. Prasch die Büros in Hamburg und in Dresden. Wir werden dabei durch unsere assoziierten Partner und Projektpartner unterstützt. Es gibt flache, dabei klare Hierarchien und vernünftig organisierte Arbeitsteilungen:
Experten für die kaufmännischen Belange, für die Verwaltung und die Öffentlichkeitsarbeit. Die „Durchführungsebene“, also die Assoziierten, die Entwurfsteams und wir können uns auf die  Architektur konzentrieren. In Dresden kümmern wir uns verstärkt auch um denkmalpflegerische
Projekte – dafür schlägt mein Herz mittlerweile besonders.

Was macht TCHOBAN VOSS Architekten aus?

EV: Wir vertreten mit unserer Architektur einen erzählerischen Ansatz. Natürlich sehen wir das nicht auf die Fassade reduziert, wir entwerfen alles bis zum Türdrücker. Aber die Haut eines Gebäudes vernetzt es nun mal mit seiner Umgebung. Wir wollen dabei nicht verstören, sondern den jeweiligen
Ort weiterschreiben. Und das mit hochwertiger Architektur, nachhaltig in dem Sinn, dass sie einen Mehrwert an den Ort bringen soll, ideell, ästhetisch und funktional. Die Impulse hierzu setzt mitunter
das Berliner Büro; sie lösen dann an den anderen Standorten Diskussionen aus.

Sergei Tchoban: Wir bauen meist Umgebungsgebäude. Es ist doch so: 70 bis 80 Prozent im städtebaulichen Kontext sollten aus ruhiger Architektur bestehen. Die anderen 20 bis 30 Prozent dürfen kontrastieren. Beides braucht einander: Ein Brillant ist nichts ohne den Ring, der ihn fasst. Uns wird manchmal vorgehalten, wir gestalteten zu viel, seien kitschig oder zu teuer. Aber genau daran mangelt es doch bei der Mehrheit der Bauten: an der Detaillierung, an Plastizität und der hochwertigen handwerklichen Bearbeitung des Materials.

Wie kann man sich den Prozess zwischen erster Skizze und realisiertem Ergebnis vorstellen?

EV: Ich hole mir Impulse durch die Musik und Lesen, Sergei über das freie Zeichnen. Wir formulieren die konzeptionelle Richtung. Dann geht es im Dialog mit den Entwurfsteams weiter. Die Ideen kommen nicht ausschließlich von uns beiden; im Gegenteil, wir sind stolz, wenn unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überzeugende Ideen einbringen.

Noch einmal zu den zwei Kulturen: Sie haben derzeit Aufträge in Deutschland und Russland. Entwerfen Sie je nach Land unterschiedlich? Falls ja, beeinflusst das als „Reimport“ Ihre Architektur hierzulande?

ST: Zunächst ist das Licht in Russland nicht vergleichbar mit dem hiesigen; die Plastizität der Fassaden, die uns so wichtig ist, funktioniert dort anders als hier. Die Details müssen ausgeprägter ausfallen, um Defizite im Rohbau zu überbrücken. Ein ganz anderer Punkt ist die Baupolitik: Die Bauordnung lässt in Russland mehr Wildwuchs zu; sehen Sie sich die Hochhausdichte in Moskau an. Ob das nach unserem Empfinden passt oder nicht, wir versuchen, möglichst elegant und verträglich
damit umzugehen. Dazu wünsche ich mir mehr öffentliche Diskussion.

EV: Du sagst ja, Sergei, du würdest nicht für jeden Bau nach Russland gehen. Aber natürlich ist der Anreiz hoch, wenn das St. Petersburger Rathaus nicht nur aus einem Bauwerk besteht, sondern ein ganzes Stadtviertel beeinflusst. Mein Eindruck ist, dass man dort mutiger Dinge ausprobieren kann, die dann in moderaterer Ausführung zu uns zurück nach Deutschland kommen. Bildhafte Motive auf bedruckten Glasfassaden etwa tauchen in abstrakterer Form hier wieder auf.

Könnten Sie frei von allen Zwängen bauen: Was wäre das?

EV: Das wäre ein Refugium. Ich finde es faszinierend, mit Architektur auf Landschaft zu reagieren. Die Skandinavier können das besonders gut. Und jetzt bin ich gespannt, was Sergei sagt. Ich habe da
so einen Verdacht …

ST: Ich beschäftige mich lieber mit Raumabfolgen als mit Häusern, die auf einen Raum beschränkt sind. Also: mehr Museen!

PORTRÄT

Hamburg
Dresden
Berlin

Hamburg, Dresden, Berlin: In dieser Reihenfolge entstanden die drei Standorte eines Büros, dessen Existenz mit den jeweiligen Gründungsjahren – 1931, 1993 und 1995 – bis heute 86 Jahre umfasst. Außerdem fanden zwei markante Generationswechsel statt, die sich jeweils im Büronamen niederschlugen. Der erste vollzog sich von Anfang
bis Mitte der 1970er Jahre; Wolfgang Nietz, Alf M. Prasch und Peter Sigl lösten die Gründerväter Herbert Sprotte und Peter Neve ab. Aus Nietz Prasch Sigl und Partner wurde 1995 durch die Juniorpartner Sergei Tchoban und Ekkehard Voss nps tchoban voss. Seit dem Ausscheiden von Alf M. Prasch 2015 leiten die beiden das Büro als Duo, jüngst wurde das Büro nun in TCHOBAN VOSS Architekten umbenannt. Die jeweiligen
Überlappungsphasen mit den „alten Chefs“ seien lang gewesen. Gut für das Büro, wie die heutigen Leiter befinden, denn neben dem Erfahrungsschatz der älteren Generation habe es immer ausreichend Freiraum für die Jüngeren gegeben.

Betriebsamkeit im Berliner Büro von TCHOBAN VOSS Architekten.

Die Gründung des Büros in Dresden als Standort in den damals neuen Bundesländern ist durch die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Dresden inspiriert und auch dadurch, dass Alf M. Prasch, der in Görlitz geboren ist, dazu eine persönliche Nähe hatte. Eine Hauptstadtrepräsentanz sollte dann ebenfalls rasch entstehen. Sie zu leiten, fiel ganz selbstverständlich Sergei Tchoban zu. Er stammt aus St. Petersburg und war vier Jahre zuvor nach Deutschland gekommen, da er in Russland wegen der wirtschaftlichen und politischen Situation als Architekt keine befriedigenden Aufgaben erhielt.

Der Bemusterungstisch dient zentral zur Materialüberprüfung.

Der gebürtige Rheinländer und Wahlhamburger Ekkehard Voss leitet die Hamburger und die Dresdener Dependance, was nicht bedeutet, dass die drei Büros abgeschottet vor sich hinarbeiten. Zwar gibt es eine Reihe in sich abgeschlossener Aufgaben an jedem Standort, aber wenn es ein Auftrag erfordert, werden die Kapazitäten gebündelt. Auf inhaltlicher Ebene besteht ohnehin ein kontinuierlicher Austausch. Zu gemeinsamen Aktivitäten wie zu einem Stadtspaziergang in Berlin, vorbei an einer Vielzahl von Bauten aus den eigenen Reihen, kommen alle rund 150 Mitarbeiter zusammen.

Der Besprechungsraum in der Entwurfsabteilung.

Das Spektrum der Bauaufgaben, mit denen sich TCHOBAN VOSS Architekten befassen, ist weit, wenn auch nicht mehr ganz so heterogen wie früher, wie Ekkehard Voss sagt. In dem umfangreichen Werkverzeichnis finden sich Geschäfts- und Bürohäuser ebenso wie Wohnbauten – „dafür werden wir wegen unserer guten Grundrisse oft angefragt“ – Hotels, Verkehrsund Kulturbauten, Sport- wie Handelsstätten, aber auch Kleinode wie eine jüngst fertiggestellte russische Klosterkirche in Brandenburg. Eine ganz andere Facette zeigt das Büro durch seine internationalen Ausstellungsaktivitäten – das ist dem zeichnerischen Talent Sergei Tchobans geschuldet, der schon
seinen ehemaligen Chefs Nietz, Prasch und Sigl dadurch aufgefallen und von ihnen – wie Ekkehard Voss – 1992 in ihr Büro geholt worden war. Mit dem Museum für Architekturzeichnung in Berlin hat die Leidenschaft für Zeichnungen und die reichhaltige Sammlung der Tchoban Foundation 2013 ein Zuhause gefunden – selbstverständlich in einem der sorgsam detaillierten Bauten aus dem Hause TCHOBAN VOSS.

Eine Treppe führt in das obere Geschoss zu den Besprechungsräumen.

Architekten

TCHOBAN VOSS Architekten
Rosenthaler Str. 40
10178 Berlin
www.tchobanvoss.de

 

Die Gründung des Büros geht zurück auf die Zusammenarbeit der Architekten Herbert Sprotte und Peter Neve im Jahre 1931, die sich erfolgreich in Hamburg etablierten. In den 1970er Jahren vollzog sich der erste Generationenwechsel mit den Architekten Alf M. Prasch, Wolfgang Nietz und Peter Sigl. In den 1980er Jahren vergrößerten erste internationale Bauten im Nahen Osten den Wirkungskreis. Nach der Eröffnung zusätzlicher Standorte in Berlin und Dresden im Jahre 1993 wurde die Partnerschaft 1995 durch Sergei Tchoban und Ekkehard Voss erweitert – seit 2015 leiten sie als Architektenduo das Gesamtunternehmen. Seit 2009 ist die Bürostruktur durch  Assoziierte und Projektpartner als leitende Mitarbeiter erweitert worden. Das Büro firmiert seit 2017 unter TCHOBAN VOSS Architekten.

Projekte (Auswahl)

Standort Hamburg:
2012 Hochschule Rhein-Waal, Kleve
2010 Volkswohlbund, Dortmund
Standort Dresden:
2012 Sanierung Landgericht, Halle
Standort Berlin:
2015 Wohnhaus Living Levels, Berlin
2010 Musik- & Lifestyle Hotel nhow, Berlin

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