Strahlender Stadtbaustein
- Autor: Christina Gräwe
- Fotos: Martin Tervoort, Titanic Hotels
Die Zahl der Übernachtungen in Berlin lag 2016 insgesamt bei 31.067.775, die der Herbergen bei 789. Letztere ist dezent rückläufig, dennoch boomt der Tourismus in Berlin weiter, und auch als Konferenzstandort ist die Stadt beliebt. In Berlin-Mitte kamen 389 Zimmer und ein Tagungsort hinzu, untergebracht in einem Haus von TCHOBAN VOSS Architekten.
Auf Google Earth gähnt einem noch eine tiefe Baulücke entgegen. Dieser Zustand wurde von der Realität überholt: Seit Juli 2015 ist die Lücke durch einen langgezogenen, bei Sonnenlicht beinahe
blendend hellen Bau geschlossen. Es ist eines von insgesamt zwölf Hotels, die alle auf den Namen Titanic lauten und von einer türkischen Hotelier- und Gastronomenfamilie geführt werden. Drei Häuser stehen in Berlin, die anderen in Antalya, Bodrum und Istanbul; sie gehören der Vier- beziehungsweise Fünf-Sterne-Kategorie an.

Zum Hinterhof ist die Fassade zurückhaltender gestaltet, seitlich der Fenster verlaufen vertikale Rillen.
Das Haus steht in mehrfacher Hinsicht charakteristisch für TCHOBAN VOSS Architekten: Es bleibt in einem erfassbaren Maßstab und schreibt die Umgebung fort, indem sein Hauptvolumen die Höhe der Nachbarbebauung aufnimmt. Das sechste Obergeschoss sitzt leicht zurück versetzt auf dem darunterliegenden – das verleiht dem doch recht massiven Baukörper angenehme Proportionen. Auch vertikal ist das Haus gestaffelt; das rechte Drittel schiebt sich dezent nach vorn und betont
damit den separaten Eingang zum angeschlossenen Konferenzzentrum. Für eine gewisse Leichtigkeit sorgt der hellbeige, fast weiße Betonwerkstein mit Quarzeinschlüssen, der die gesamte Fassade bedeckt. An ihr lassen sich weitere kennzeichnende Merkmale der Architekten ablesen: die Liebe zum Detail und die Plastizität,

Das 6. Obergeschoss des Titanic Hotels in Berlin.
die durch eine auffallend saubere handwerkliche Bearbeitung des Materials erreicht wird. Ab dem zweiten Obergeschoss sind die ruhig, dabei aber nicht monoton gesetzten Fenster von flach abgeschrägten Flächen gerahmt. Diese wechseln sich mit reliefartig gestalteten Feldern ab, und spätestens hier versteht man, was die Architekten mit „erzählerischer Architektur“ meinen. Die Reliefs zeigen blütenhaft-ornamentale, durch die vielfache Wiederholung aber auch grafisch wirkende
Muster, eine Reminiszenz an den orientalischen Bauherrn. Ebenso hell, ebenso sorgsam, aber mit vertikal verlaufenden Rillen etwas schlichter sind die raumhohen Fenster an den Fassaden der
beiden rückwärtigen Gebäudeflügel eingefasst.
„Ich hole mir Impulse durch die Musik und Lesen, Sergei über das freie Zeichnen.”
Ekkehard Voss, TCHOBAN VOSS Architekten

Erzählerische Architektur: Ornamente als Reminiszenz an den orientalischen Bauherren.
Der Haupteingang liegt beinahe mittig in der Straßenfront und zusammen mit den Zugängen zu einem Restaurant und einem Imbiss unter einem schützenden Vordach. Das Foyer überrascht
nach dem ersten Auftritt des Hauses: Es ist keine weitläufige Halle bis zur Rezeption zu durchqueren, stattdessen erwartet einen ein beinahe intimer Raum. Rechts zwei Empfangstresen, links Sesselsitzgruppen und die Bar. Das Interieur von Asli Arikan Dayioglu spricht eine ganz andere Sprache als das Haus selbst. Es überwiegen Braun- und Goldtöne, das Mobiliar changiert zwischen Schwere und Verspieltheit, das Licht ist gedämpft. Hell wird es wieder in der zweigeschossigen, glasüberdachten Halle, die hinter dem Foyer liegt. Sie dient hauptsächlich der Überleitung zu den Fahrstühlen, zum teilbaren und bis zu 1400 Personen fassenden Festsaal und zur Treppe in den Restaurant- und Meeting-Bereich im ersten Obergeschoss. In den beiden Untergeschossen liegt – neben der Wäscherei, Parkplätzen und der Mitarbeiterkantine – eine insgesamt 3000 Quadratmeter umfassende Sport- und Entspannungszone.

Das Angebot reicht von einem Parcours von High-Tech-Fitnessgeräten über einen sehr authentisch gestalteten Hamam bis zum immer warmen Pool. Obwohl eingegraben gelegen, besteht hier dennoch Außenbezug, denn durch ein Oberlichtband fällt Tageslicht und schafft mit den Wasserspiegelungen eine angenehme Lichtstimmung. Die Hotelverwaltung ist in einem Flachbau neben dem Haupthaus
untergebracht. Dessen Obergeschosse sind also den Zimmern vorbehalten, und hier findet sich dann doch eine gestalterische Querverbindung zwischen innen und außen: In die hölzernen Türeinfassungen ist ein ähnliches Motiv gefräst, wie es die Straßenfassade charakterisiert. Auch in den Seitenflügeln ist das oberste Stockwerk teilweise zurückversetzt. Manche Zimmer – darunter Zweizimmersuiten mit Bädern in enormen Ausmaßen – erhalten dadurch einen Balkon. Das Haus ist noch jung, habe aber bereits viele Stammgäste, erzählt der General Manager auf dem Weg zurück in das Restaurant im ersten Stock. Dieser sehr große Raum ist flexibel teil- und möblierbar und verblüfft:

Lageplan des Titanic Hotels in Berlin.
Anders als häufig bei hallenartigen Räumen, beschleicht einen hier nicht das Gefühl, die Decke käme einem empfindlich nahe. Gestalterisch überzeugt dieser Eindruck durch die großflächigen Fenster
zur Straße und die Durchlässigkeit nach innen zu der Galerie, die die Haupthalle umläuft. Viel Raum wurde auch dem Buffetbereich mit „Life-Küche“ gegeben, was der General Manager zufrieden
kommentiert: „Hier muss keiner Schlange stehen“. Und er hat noch ein größeres Kompliment zu vergeben: In 32 Jahren im Hotelgewerbe habe er noch nie in einem Haus mit einer derart klaren Wegeführung und so logischen Raumabfolgen gearbeitet.
„Wir wollen nicht verstören, sondern den jeweiligen Ort weiterschreiben. Und das mit hochwertiger Architektur, ästhetisch wie funktional.”
Ekkehard Voss, TCHOBAN VOSS Architekten

Die großzügigen Badezimmereinheiten lassen Raum für Hamam-Feeling.

Das Mobiliar changiert zwischen Schwere und Verspieltheit in goldenen Brauntönen.
Architekten
TCHOBAN VOSS Architekten
Rosenthaler Str. 40
10178 Berlin
www.tchobanvoss.de
Die Gründung des Büros geht zurück auf die Zusammenarbeit der Architekten Herbert Sprotte und Peter Neve im Jahre 1931, die sich erfolgreich in Hamburg etablierten. In den 1970er Jahren vollzog sich der erste Generationenwechsel mit den Architekten Alf M. Prasch,
Wolfgang Nietz und Peter Sigl. In den 1980er Jahren vergrößerten erste internationale Bauten im Nahen Osten den Wirkungskreis. Nach der Eröffnung zusätzlicher Standorte in Berlin und Dresden im Jahre 1993 wurde die Partnerschaft 1995 durch Sergei Tchoban und Ekkehard Voss erweitert – seit 2015 leiten sie als Architektenduo das Gesamtunternehmen. Seit 2009 ist die Bürostruktur durch Assoziierte und Projektpartner als leitende Mitarbeiter erweitert worden. Das Büro firmiert seit 2017 unter TCHOBAN VOSS Architekten.
Projekte (Auswahl)
Standort Hamburg:
2012 Hochschule Rhein-Waal, Kleve
2010 Volkswohlbund, Dortmund
Standort Dresden:
2012 Sanierung Landgericht, Halle
Standort Berlin:
2015 Wohnhaus Living Levels, Berlin
2010 Musik- & Lifestyle Hotel nhow, Berlin
Produktinformationen
Waschtischarmatur Lineare
Duschsystem Rainshower